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Musiktipps

Unifaun

Unifaun

Es gibt ja so Phänomene. Da tourt z.B. 30 Jahre nach Genesis - den alten, echten Genesis aus den 1970ern, mit Peter Gabriel, bevor Phil Collins die Band und sich selbst supermarktkompatibel machte - die kanadische Band „The Musical Box“ durch die Welt, die die alten Genesiskonzerte und -alben in ausverkauften Hallen werkgetreu wiederaufführt, perfekt bis zur letzten Note. Ein wunderbares Erlebnis, und ein großes Glück für Leute wie mich, die damals noch zu jung waren und darüber hinaus jenseits des Eisernen Vorhangs lebten.

Im Oktober 2008 veröffentlichte die schwedische Band „Unifaun“ ihr gleichnamiges Album - keine Cover-Stücke, sondern eigene Titel, aber in verblüffend authentischem Genesis-Soundscape. Ihr Credo: „Let's write the songs that Genesis never did.“ Das ist ihnen gut gelungen! :)

Sufjan Stevens - Illinoise

Sufjan Stevens

Fantastisch, was dieser noch recht junge US-amerikanische Musiker auf seinem 2005er Album „Illinoise!“ alles unter- und rüberbringt.

Sufjan Stevens schöpft aus einer reichhaltig sprudelnden Quelle kreativer Ideen. Seine Songs sind komplex komponiert und oft für ein großes Instrumentenspektrum arrangiert, wirken aber nie überladen.

Mühelos kombiniert er Streicher, Bläser, Klavier, Gitarren, Banjo, Akkordeon und Percussion mit teilweise sechsstimmigem(!) Gesang zu wunderbar abwechslungsreichen Stücken, die auch bei häufigem Hören immer wieder neue Nuancen entdecken lassen. Seiner sehr sanften und doch eindringlichen Stimme wird man dabei einfach nicht überdrüssig.

Vielversprechend!

King Crimson

King Crimson

Progressive Rock“ hatte seinen Höhepunkt in den 1970ern. Kam danach noch was? Die 1970er Scheiben von King Crimson gehören zum Besten und Anspruchsvollsten der Rockgeschichte. Die wechselnde Besetzung um Robert Fripp hat hier Großartiges geschaffen.

Manche Musik ist an ein gewisses Lebensalter, einen Lebensabschnitt gebunden. Wachsen wir heraus, kann sie uns momentweise zurückversetzen, aber sie spricht nicht mehr im Jetzt zu uns, nicht mehr wirklich, nicht mehr intensiv genug. King Crimson gehört nicht in diese Kategorie. Die zeitlose Perfektion, die strukturelle Klarheit, die mitunter brutale, aber immer diszipliniert beherrschte Kraft, die lyrischen und komplexen Melodien machen diese Musik zu einem erstaunlich konstanten Lebensbegleiter. Natürlich hört man mit 45 anders als mit 20. Aber weder verlieren die Stücke von King Crimson ihre Faszination, noch werden sie fade - im Gegenteil: Sie dringen einem immer noch und immer wieder durch Mark und Bein genau in die Mitte.

King Crimson - In The Wake Of Poseidon
In The Wake Of Poseidon
(1970)

In The Wake Of Poseidon

Robert Fripp, Greg Lake, Michael Giles, Peter Giles, Keith Tippet, Mel Collins, Gordon Haskell.

Noch experimentiert King Crimson auf diesem frühen Album, erforscht Stile und Möglichkeiten, jedoch mit bereits erstaunlicher Reife und Sicherheit. Eingefasst in das sehr lyrische „Peace“ („A Beginning“, „A Theme“, „An End“) kommt schon die ganze Bandbreite Crimsonscher Musik daher: Kraftvolles („Pictures Of A City“, „Cat Food“), zurückhaltend Sanftes („Cadence And Cascade“), ausufernd Entrücktes („In The Wake Of Poseidon“).

Eine Ausnahme bildet das apokalyptisch-düstere „The Devil's Triangle“: So finster wurde es auf späteren Alben nie wieder. Nichtsdestotrotz ein perfekt inszeniertes Stück, an dessen Ende man zutiefst dankbar für das sich anschließende freundlich-warme „Peace - An End“ ist.

Da haben wir's wieder: Nur wer die Finsternis durchschreitet, weiß das Licht zu schätzen. Halten Sie es aus, Sie werden belohnt.

King Crimson - Starless and Bible Black
Starless and Bible Black
(1974)

Starless and Bible Black

Robert Fripp, David Cross, John Wetton, William Bruford.

Vier Jahre und Alben nach „In The Wake Of Poseidon“ hat Robert Fripp mit neuer Besetzung den King Crimson Stil zu geahnter Reife gebracht: „Starless and Bible Black“ enthält kraftvolle, bei aller Komplexität kristallklare Stücke.

Wunderbar, wie sich „Trio“ behutsam der Seele nähert. Genial, wie im neunminütigen „Starless and Bible Black“ und noch mehr in dem 11-Minuten-Stück „Fracture“ die Spannung bis ins schier Unerträgliche gesteigert und gehalten wird.

Und wenn's dann endlich, endlich losbricht... Na, erleben müssen Sie's schon selbst.

King Crimson - Red
Red (1974)

Red

Robert Fripp, John Wetton, William Bruford.
Unterstützt von David Cross, Mel Collins, Ian McDonald, Robin Miller, Marc Charig.

Das Jahr 1974 war offensichtlich ein Sternenjahr für King Crimson. In diesem Jahr erscheint neben „Starless and Bible Black“ auch „Red“.

Für mich bildet dieses Album den Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens. Die 5 Stücke sind voll gewaltiger, doch zielsicher gelenkter und beherrschter Kraft. Jeder Ton sitzt genau da, wo er hingehört. Ein unübertroffenes Meisterwerk.

Crimson Jazz Trio

Crimson Jazz Trio

Geht King Crimson noch besser als von King Crimson? Es geht auf jeden Fall nochmal ganz anders:

Das Crimson Jazz Trio („CJ3“ - Ian Wallace, Tim Landers, Jody Nardone) interpretiert etliche der alten KC-Stücke als hochkarätigen, atmosphärisch dichten und virtuos gespielten Jazz. Das zu hören ist... einfach unglaublich. Die vertraute Kraft der Stücke ist sehr präsent, sie klingen jedoch gleichzeitig abgemildert, verfeinert und um noch eine Dimension vertieft: King Crimson aus einem Paralleluniversum. Genial. Ein Kleinod und echter Genuss!

Crimson Jazz Trio - King Crimson Songbook Vol.1   Crimson Jazz Trio - King Crimson Songbook Vol.2
King Crimson Songbook
Vol.1 (2005)
  King Crimson Songbook
Vol.2 (2009)

Hoffentlich macht das Schule. Mögen doch bitte noch viele andere alte Stücke, nicht nur von King Crimson, auf eine solche wunderbare Weise belebt und verjüngt werden.

Aziza Mustafa Zadeh

Aziza Mustafa Zadeh

I don't think you should touch the piano when you don't have the right inspiration or else you'll play badly, and that's a sin.

Schier unglaublich, was die 1969 in Aserbaidshan geborene Jazz-Pianistin Aziza Mustafa Zadeh ihrem Instrument und ihrer Stimme entlockt. Jazz vom Allerfeinsten, magisch verwoben mit traditioneller aserbaidshanischer Musik, gespielt wie von der Göttin persönlich - und so kommt sie ja auch live daher: den Gang hinunter auf die Bühne geschwebt, ein - im Gegensatz zu dem Eindruck, den ihre Cover-Fotografien hinterlassen - zurückhaltendes, zartgliedriges, fast durchsichtiges, ätherisches Wesen, das Begrüßungsworte flüstert, sich am Flügel niederlässt wie eine vom Wind dort abgelegte Daumenfeder - und dann loslegt mit einer Kraft und einer Macht und einer spieltechnischen Perfektion, dass es einen nur so wegfetzt und man später, wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hat, sicher ist, keinem Konzert, sondern einer Offenbarung beigewohnt zu haben.

Aziza Mustafa Zadeh
Aziza Mustafa Zadeh
(1991)

Aziza Mustafa Zadeh

Auf ihrer ersten CD spielt sie Piano solo. Eine wunderbare Zusammenstellung von träumerischen, orientalisch angehauchten, verspielten Stücken und druckvollen, mitreißenden Werken. Ihr spieltechnisches Können ist atemberaubend. In einigen Stücken hören wir ihre Stimme in für ungeübte europäische Ohren gewöhnungsbedürftigen, trillerartigen Melodien. (Phänomenal die Sicherheit, mit der sie diese komplexen Strukturen auch live miteinander verbinden und gleichzeitig spielen und singen kann.)

Aziza Mustafa Zadeh - Always
Always (1993)

Always

Genial, wie Aziza im Zusammenspiel mit John Patitucci (Bass) und Dave Weckl (Drums) ihren einzigartigen kraftvollen und ornamentreichen Stil entfaltet. Definitiv eine der weltbesten Jazz-Platten ever.

Aziza Mustafa Zadeh - Shamans
Shamans (2002)

Shamans

Nach etlichen nicht so meinen Geschmack treffenden CD-Produktionen kehrt Aziza mit „Shamans“ wieder in musikalische Gegenden zurück, in die ich ihr gern und willig folge.

Häufiger als auf den beiden oben beschriebenen Platten setzt sie hier ihre faszinierende Stimme ein. Im titelgebenden Stück „Shamans“ führt uns Aziza neun Minuten lang nur mit Stimme und handgeschlagenen Drums ins Mystisch-Spirituelle. Mit den letzten beiden Stücken würdigt sie Bach und Chopin.

 

Steve Reich

Steve Reich

There's just a handful of living composers who can legitimately claim to have altered the direction of musical history and Steve Reich is one of them.The Guardian (London)
Es gibt nur eine Handvoll lebender Komponisten, die zu Recht behaupten können, die Richtung der Musikgeschichte verändert zu haben. Steve Reich ist einer von ihnen.“)

Es scheint zwei Wahrnehmungspole zu geben, von denen aus Kompositionen von Steve Reich erlebt werden: abstoßend oder anziehend. Die Spanne reicht von unerträglich nervend bis zutiefst entspannend, dazwischen ist wenig. Ich weiß nicht, ob man sich dieser Musik irgendwie nähern muss, ob man sich innerlich vom ersten zum zweiten Pol bewegen kann oder ob der erste Eindruck einen unwiderruflich der einen oder anderen Gruppe zubestimmt. Finden Sie's für sich heraus.

Sofern Sie das Glück haben, in diese oft als „minimal music“ etikettierte Musik eintauchen und sich in ihr wohlfühlen zu können, werden Sie Einzigartiges erleben. Ich glaube, es gibt hier so etwas wie Liebe auf den ersten Ton, und wenn man sie dann näher kennen lernt, wird es immer noch besser.

Reichs Kompositionen können oberflächlich scheinbar simpel sein und enthüllen doch nach und nach subtile Überraschungen filigraner Vielschichtigkeit. Die meisten Stücke sind dabei so rhythmisch, dass man sich dazu bewegen und sogar dazu tanzen könnte; das sollten Sie unbedingt einmal ausprobieren, wenn Sie diese Musik in sich aufgenommen haben. Die Musik hat zudem mitunter eine starke Trance erzeugende Wirkung, die - auf mich zumindest - wohltuend entspannend und beruhigend wirkt. Genau das Richtige nach einem kopflastigen Arbeitstag.

Steve Reich - New York Counterpoint, Eight Lines, Four Organs
New York Counterpoint,
Eight Lines, Four Organs

Das erste Steve-Reich-Stück, das mir begegnete, war „Eight Lines“, und es ist noch immer eins meiner Lieblingsstücke. Es enthält alles, was Steve Reich für mich ausmacht: wiederkehrende, auf verschiedene Instrumente verteilte Patterns, komplexe Rhythmen, subtil sich verändernde Phasen; ein starkes und intensives Hörerlebnis. Gemeinsam mit „New York Counterpoint“, einem ebenfalls recht komplexen und wunderschönen Stück nur von Klarinetten gespielt, findet es sich z.B. auf der CD „New York Counterpoint, Eight Lines, Four Organs“.

Steve Reich - Music For 18 Musicians
Music For 18 Musicians

Eine weitere Komposition, die ich Ihnen ans Herz legen möchte, ist das rund 60minütige Werk „Music For 18 Musicians“. Hierfür brauchen Sie möglicherweise ein wenig Geduld. Einmal tief eingetaucht, umfängt und trägt Sie diese Musik jedoch ganz von selbst. Wenn Sie loslassen können, erleben Sie immer wieder neue Momente großer Schönheit und Faszination.

Steve Reich - Different Trains / Electric Counterpoint
Different Trains /
Electric Counterpoint

Zuletzt empfehle ich noch eine CD, die drei Highlights vereint: den Komponisten Steve Reich, das Kronos Quartet und Pat Metheny: „Different Trains / Electric Counterpoint“.

In „Different Trains“, gespielt vom Kronos Quartet, nehmen die Instrumente die Sprachmelodien kurzer vom Band eingespielter Sätze und Satzfragmente auf. Thema: Der junge Steve pendelte als Kind zwischen 1939 und 1942 mit dem Zug zwischen New York und Los Angeles; zur gleichen Zeit wäre er als Jude in Europa sehr wahrscheinlich mit völlig anderen Zügen
(ab)transportiert worden. Diese Situation wird in den drei Teilen „America - Before the war“, „Europe - During the war“ und „After the war“ sehr intensiv dargestellt.

Electric Counterpoint“, nur auf Gitarre gespielt von dem Jazzgitarristen Pat Metheny, ist das dritte Stück einer Serie, in der Solisten zu eigenen, vorher aufgenommenen Bändern spielen.
Vorgänger sind „Vermont Counterpoint“ (Flöte) und das oben erwähnte „New York Counterpoint“ (Klarinette). Der erste Satz baut auf einem von zentralafrikanischer Blasmusik abgeleiteten Thema auf und entwickelt sich zu einem achtstimmigen Kanon. Faszinierend!

Wer Steve Reich ist, wo er geboren, aufgewachsen usw. ist und was er bisher gelernt, getan und gemacht hat, können Sie an anderer Stelle im Internet nachlesen, z.B. auf seiner homepage www.stevereich.com.

Ich wünsche Ihnen viele Entdeckungen und intensives Erleben in Steve Reichs Musik.